Eleatischer Gestus

Was ist Psychoanalytische Aufklärung heute?

Im Ausdruck ihres eleatischen Gestus: ein und dieselbe Sache bezeichnend.

Wagen wir einen Perspektivwechsel – eine These:

Der Verstand projiziert das Gesetz der Identität auf das Sein
und hält später für wirklich, was er selbst in es hineingelegt hat.

Bei Ortega y Gasset heisst es:
Man beginnt damit, das Gesetz des Verstandes, die Identität, auf das Sein zu projizieren,
und später kehrt der Verstand dahin zurück, das für wirklich zu halten,
was er selbst in es hineingelegt hat.

So verbleibt der Mensch im Schatten seines eleatischen Gestus – dazu tendierend, das Leben nicht so zu denken, wie es ist, sondern es so zu interpretieren,
als ob sein Sein dieselbe Struktur aufweise
wie die physischen Dinge,
die sich in seinem Leben auffinden lassen.

Aus diesem Perspektivwechsel heraus tritt uns der Mensch in der Fragestellung entgegen – der Mensch, der die psychoanalytische Aufklärung ist: unmittelbar angesprochen – in der Konfrontation mit dem Eigenen als etwas anderem.

Ein und derselbe, doch nicht vom selben Rang:
so erfährt er sich distanziert, unbestätigt –
Wechsel und Veränderung erfahrend, das Wirkliche, so Ortega, das in Wahrheit ein Sturzbach ist:

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Warum sollte dieser durch seine eleatische Ontologie geformte und geprägte Mensch –
in der vorgestellten Wirklichkeit eines stabilen
und identischen Sein – reflexiv
von dieser Ontologie distanziert werden?

Was will er aus sich machen?

Wird er hin stehen wie Archilochos von Paros und sagen:
Hier bin ich!

Oder wird er sich – einem Paukenschlag gleichend –
einer nicht-eleatischen Ontologie öffnen,
eine radikal entgegengesetzte Denkweise annehmen,
eine formal andere, sie sich erarbeiten,
die Weite möglicher, neuer Horizonte im heraklitschen Gestus erfahrbar werden lassen?

Entgegen einem Denken, das sich vor 27 Jahrhunderten ereignet hat – mit Parmenides von Elea und seinem Eleatismus:
einem Denken, das die gesamte Geschichte des Westens bis heute prägt.

Im Wagnis eines Perspektivwechsels, eine Konfrontation evozierend, aus der der Mensch hervortreten, sich reflexiv inmitten eines Paukenschlags in der Welt ereignen kann –
das ist psychoanalytische Aufklärung heute.

Literaturhinweise

Ortega y Gasset, José: Der Mensch ist ein Fremder

Hehn, Victor: Goethe – Gesang der Geister über den Wassern

Archilochos von Paros – erster griechischer Lyriker und Soldat, der das Wort ich verwendete

Smart, Ninian: Weltgeschichte des Denkens

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